GANGSTER BABES | SCARFACE, CASINO & BLOW

Elvira Hancock (Michelle Pfeiffer), Ginger McKenna (Sharon Stone) und Mirtha Jung (Penélope Cruz) sind die drei Königinnen unter den Gangster Babes (auch wenn Elvira es gar nicht leiden kann, wenn man sie Babe nennt), dieser Frauenstereotyp, der in der Nahrungskette unter der Femme fatale steht, weil hier doch noch eine ganz gehörige Portion Abhängigkeit und Unterwürfigkeit besteht. Eigentlich wollte ich noch Kay Adams-Corleone (Diane Keaton, DER PATE) hinzunehmen, aber Kay war mir doch zu selbstständig für dieses Klischee. Weil das Gangster Babe also ein Stereotyp ist, verfügt sie über einige wiedererkennende Merkmale, wie ein puppenhübsches Aussehen, eine erotische Ausstrahlung, eine beneidenswerte Garderobe und dem gestörten Hang zu materiellen Gütern. Dabei können sie, ähnlich wie die Femme fatale, ihren Mann irgendwann in den Ruin treiben oder stürzen gemeinsam mit ihm, wenn der Geldhahn irgendwann nicht mehr fließt. Die Frage ist doch, wenn der Protagonist einer Geschichte ein solcher Held ist (ganz nach dem amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär), warum wählt er sich dann ausgerechnet so eine Tussi? Offenbar gehen ein schönes Aussehen und der hedonistische Aspekt des Geldes einher und so schnell wie das Geld manchmal fort ist, vergeht auch das schöne Gesicht. Pech für den Helden, wenn er zu den Errungenschaften des Lebens ein Haus, ein Auto und eine heiße Frau in einem Atemzug nennt (manchmal auch in Plural)! Wollen wir also mal sehen, wie das bei den drei Beispielen so aussieht.

Elvira Hancock, SCARFACE [1983]: Wir befinden uns in Miami, Florida der 1980er Jahre. Tony Montana (Al Pacino) verliebt sich in Elvira, die Frau eines Kollegen, lässt diesen umbringen und heiratet anschließend die Schöne. Offenbar ist er von ihrem Desinteresse an ihm fasziniert, in ihrer ersten Begegnung scheint sie ihn kalt zu ignorieren und lässt sich nur höflicherweise auf einen Tanz mit ihm ein, findet ihn offenkundig zum Kotzen (und fühlt sich gleichzeitig natürlich zu ihm hingezogen). Nach ihrer Vermählung kann Tony ihr aber offenbar nicht das beiten, was sie braucht, das Geld und der Luxus prallen an ihr ab, sie kritisiert ihn für seine Machenschaften und verlässt ihn schließlich.

Die Kostüme entstanden durch Patricia Norris, die später mehrmals mit David Lynch zusammenarbeitete (ELEPHANT MAN, TWIN PEAKS). Elviras Kostüme sind schlicht aber extrem schick und sexy. Ihr Haar ist einfach, aber glamourös frisiert, das Make-up in braunen Tönen im Stil der 70er aufgelegt. Elvira ist introvertiert, eine Melancholikerin, oft nachdenklich oder besorgt, dabei nach außen hin kühl und erweckt dadurch den Schein der Arroganz. Sie ist so schön, dass ihre Kostüme mit einem puristischen Minimalismus auskommen. Ihre Abendkleider sind aus Seide und Satin, mit dünnen Spaghettiträgern, einigen wenigen Strasspailetten und viel Vorder- und Rückenausschnitt. Im Schlafzimmer trägt sie einen champagnerfarbenen Seiden-Zweiteiler, der sicher spießig aussehen würde, doch nicht an Elvira, die das hauchzarte Top ohne einen BH trägt. Tagsüber sehen wir sie in einem weißen Copacabana-mäßigen Kostüm mit weißem Hut und einer wunderschönen Cateye-Sonnenbrille. Am Pool behält sie größtenteils den weißen Blazer an, darunter trägt sie einen grünen Badeanzug, der mit seinem tiefen Ausschnitt immernoch nichts an Erotik einbüßt. Pseudo-Farbenpsychologie macht bei ihren Kostümen auch einen großen Spaß. So trägt sie bei ihrer ersten Begegnung mit Tony im Nachtclub ein dunkelblaues Kleid, das ihre geheimnisvolle Aura unterstreicht. Das Beige ihres Pyjamas und das Weiß ihres Tageskostüms stehen für ihre Unschuld und Reinheit, schließlich ist sie das schlechte Gewissen Tonys, und der grüne Badeanzug verdeutlicht ihre Intelligenz. Das pinke Abendkleid wirkt unpassend, es strahlt eine Lebensfreude aus, die Elvira in dieser Szene einfach nicht besitzt und wird so zum ironischen Kommentar ihrer bedrückten Befindlichkeit. Als sie Tony schließlich verlässt, ist ihr Kleid schwarz, es ist das Ende:

Ginger McKenna [CASINO, 1995]: Bei Ginger haben wir es mit einem ganz anderen Kaliber zu tun. Wir sind in Las Vegas zwischen 1970 und 1983 und Ginger ist eine Edelprostituierte, die für ihren Jugendfreund Lester Diamond anschaffen geht und ihm immernoch verfallen ist. Der Casinobesitzer Sam ‚Ace‘ Rothstein (Robert De Niro) verliebt sich in das wilde Mädchen und versucht sie mit Reichtum zu locken. Doch der Luxus, von dem sich Ginger schnell blenden ließ, langweilt sie genauso schnell wieder. Durch das gemeinsame Kind ist sie an Ace gebunden, doch vor lauter Langeweile und Demütigungen (in Verbindung mit ihrer Jugendliebe) verfällt sie Alkohol und Drogen, kokst ungeniert vor ihrer kleinen Tochter und geht eine Affäre mit Nicky Santoro (Joe Pesci) ein. Sie versucht von Ace wegzukommen, aber es scheitert, sie will ihn umbringen lassen, aber es scheitert und als sie es schließlich doch noch schafft, von ihm abzuhauen, stiehlt sie das gemeinsame Geld, wird kurzzeitig inhaftiert, verliert alles aufgrund ihrer Drogensucht und stirbt schließlich an einer Überdosis. Autsch.

Eigentlich hätte der Film einen eigenen Post verdient, vor allem die Kostüme von Robert de Niro, die von Rita Ryack und John Dunn extra angefertigt wurden (mehr als 70 Anzüge!). De Niro hatte ein Mitspracherecht und jeden Morgen entschieden sie gemeinsam über die kleinsten Details wie Schmuck, Uhren und Sonnenbrillen. Denn die Rolle von Ace war zwar seriös, aber das ganze spielt im Las Vegas der 70er, alles ist exzentrisch, alles übertrieben, alles „stillos“ und es gilt big, bigger, biggest. Für den Handlungsverlauf auch interessant, dass die Kostüme mit konservativen Farben beginnen und mit zunehmend chaotischerer Handlung auch chaotisch-bunter werden. Aber zurück zu Ginger, um die es hier ja gehen soll. Für das Gangster Babe gab es etwa 50 verschiedene Kostüme, alle farbenfroh und leuchtend und funkelnd, ganz im Stile Las Vegas‘. Ginger ist jung und selbstbewusst, sie strebt nach ihrem Ideal und das ist ganz offensichtlich… Barbie! Die blonden Haare sind stets passend zum Outfit frisiert, tatsächlich ist es nicht ein bestimmter Look, den Ginger pflegt, sondern komplette Outfits, von Kopf bis Fuß durchkomponiert und immer anders. Aber die Barbie ist zerbrechlich und als sie sich von Ace unabhängig machen und mit Lester durchbrennen will, rebelliert sie auf ihre eigene Weise. Sie lässt sich die Brüste vergrößern und die Haare schneiden und ihr Stil wird stärker, mit breiten Schulterpolstern und Hosenanzügen aus Perlmuttleder, die als eine Art Rüstung dient. Doch gleichzeitig lässt sie sich auch ganz schön gehen, die Lederhosen machen ihr einen „Sackhintern“, die Frisur wirkt erbärmlich und die Kleidung im Westernstil lächerlich. Ich hab ihre äußerliche Entwicklung mal in drei Etappen aufgeteilt. Am Anfang ist sie noch zuckersüß, das Licht beleuchtet sie schmeichelnd, die Haare sind aufregend frisiert und die Kleidung glitzert und leuchtet. Übrigens solltet Ihr beim nächsten Schauen auf ihre Nägel achten, ich schätze es muss da einen eigenen Nailartist gegeben haben, weil Ginger zu jedem Outfit auch passende und echt abgefahrene Nägel trägt!
In der zweiten Phase sieht man sie als gelangweilte und dann auch unterdrückte Ehefrau, mal im Tennisdress oder Bademantel, dann gezwungenermaßen aufgetakelt (man sieht sie mit einem Lockenstab hantieren und ein Gangster Babe zeigt sich normalerweise nur im fertigen Stadium, als hätte sie sich so gerade erst entpuppt!), immer den obligatorischen Drink in der Hand. Was mir erst jetzt auffällt ist, dass sie bei den Anwälten ihre Brosche trägt, die sie in einer der ersten Szenen trug, als sie Ace kennenlernte und nun will sie sich von ihm scheiden lassen:

Die dritte Phase ist echt bitter. Ginger trägt viel Braun und Rot, man sieht sie immer hysterisch am Rande des Nervenzusammenbruchs. Sie ist zur Witzfigur geworden und ihr Versuch zur Unabhängigkeit ist gescheitert, weil diese Frau nie wusste, was sie wollte und sich am Ende irgendwo verloren hat:Casino (3)

Mirtha Jung [BLOW, 2001]: Mirtha ist eine heißblütige Kolumbianerin und die einzige Brünette der drei Babes. Es ist Kalifornien, wieder die 70er (und am Ende kurz die 80er Jahre). Und wieder ist das Objekt der Begierde – diesmal von George Jung (Johnny Depp) – im „Besitz“ eines anderen. Mirtha ist die Verlobte eines Geschäftspartners, muss aber von George nicht erst erobert werden, sondern sie stürzt sich von ganz allein auf ihn. Auf einer Party kommt sie ganz mystisch auf ihn zu und sticht aus der Menge heraus dank ihrer schönen walligen Haare. Sie heiraten schnell (warum müssen Filmgangster immer auf diese letzte bürgerliche Moral bestehen?), verfallen ihren eigenen Drogen, George kommt davon weg, aber Mirtha selbst dann nicht, als sie hochschwanger ist. Der Mann versucht seine Frau zu zügeln, vergeblich, das hat er sich nun eingebrockt. Mirtha wird größenwahnsinnig und als George schließlich sein Geld verliert, verliert er auch sie und Mirtha zeigt endgültig ihr wahres Gesicht und bringt den armen Kerl ins Gefängnis.

Die Kostüme sind von Mark Bridges, der vornehmlich mit Paul Thomas Anderson arbeitet und für THE ARTIST einen Oscar für das beste Kostümbild erhielt. Penélopes Haare haben aber eigentlich schon das wichtigste erledigt. Das pinke Pailettenkleid, das sie bei ihrer ersten Begegnung mit Georges trägt, hat zwar einen schönen Schnitt und lässt sie, wie gesagt, hervorstechen, aber schön ist es nicht, es hat ein bisschen Latina-Kitsch, aber vielleicht ist auch bloß ein 70er-Jahre-Kitsch. Das beste am ganzen Film ist jedoch Mirthas „Hochzeitskleid“, das aus einem Denimoverall besteht, vorne mit einem goldenen Zipper, der fast bis zum Bauchnabel runtergezogen ist, dazu goldene Kreolen und eine dunkle, goldgerahmte Sonnenbrille. Kaum haben sie das Ja-Wort ausgesprochen, wird weitergeraucht und -gekokst und offenbar können sie die Finger auch voneinander nicht lassen. Dann wird Mirtha schwanger, aber das hindert sie nicht an ihrem Lebensstil. Sie trägt immernoch sexy Kleider, nur die Haare werden mit der Zeit gebändigt. Offenbar Ende der 70er und nach ihrer Schwangerschaft entwickelt sie sich zur snobbigen Latinamuddi, trägt pompöse Stoffe und Schnitte, Gold und Samt, dann folgt der fatale Kurzhaarschnitt, der schon bei Ginger nicht funktioniert hat und offenbar optisch ihr Ende einläutet.

Zum Schluss, wir sind nun eindeutig bei den 80ern angelangt, lebt Mirtha in einer verwahrlosten Gegend, trägt einen fürchterlichen türkisen Jogginganzug, darunter ein Tanktop mit blau-lilanem Leopardenmuster und sie ist blond, aber ich weiß nicht, wie man den Mob auf ihrem Kopf nennen soll. Ich verstehe zwar, dass man Mirtha möglichst am Boden zeigen wollte, dass der Fall ja groß sein sollte, aber diese Frisur ist nun wirklich unauthentisch. Jemand, die zu Beginn so sexy aussah, wird später wohl kaum so eine Frisur tragen und das natürlich unter der Prämisse, dass sie sich offenbar noch irgendwie was aus ihrem Aussehen macht, denn schließlich muss sie sich ja wöchentlich die Haare blondieren, wenn sie in Natur zu brünett ist und der Jogginganzug ist trotz seiner Geschmacklosigkeit ja wohl immernoch irgendwie farblich abgestimmt. Aber bitte:Blow (3)

Der Unterschied, der zwischen allen dreien Gangster Babes besteht, wird am besten bei den Hochzeitsbildern (und -kleidern) deutlich. Elvira (Michelle Pfeiffer), das zarte, unschuldige Reh, trägt ein biederes langes Spitzenkleid, gefolgt von einer Brautjunger in violett und einem großen, klassischen Blumenstrauss in der Hand. Ginger (Sharon Stone) spielt an ihrer Hochzeit die Rolle der Hochzeitsbarbie, trägt ein kurzes Kostüm, ein bisschen wie die nuttige Version von Jackie O.. Auch der Schleier ist ganz verkürzt und sie ist entzückt über die Feier und die riesige Torte und die Aufmerksamkeit (später sitzt sie aber deprimiert an einem Spielautomaten in Aces Kasino). Mirtha (Penélope Cruz) pfeifft auf alle Konventionen und trägt einen Hosenanzug, einen Pilotenoverall aus Denim mit goldenen Reißverschlüssen. Ihr langes, schokobraunes Haar und der dunkle Teint machen aus ihr einen wilden, selbstbewussten Hippie. Wer ist hier nun das Klischee, wenn alle drei Männer den amerikanischen Stereotypen des Tellerwäschers-zum-Millinär verkörpern, die ihren Mamakomplex in der Liebe zu einer schönen Frau verarbeiten wollen, wenn die Babes offenbar so differenzierte Charaktere sind, na?Wedding

Ein Kommentar

  1. Marie

    Immer wieder faszinierend, deine Filmbetrachtungen aus für mich neuen ‚modischen‘ Aspekten. Und schön, endlich mal wieder Neues von dir zu lesen. Hatte ich schon vermisst. Schöne Neujahrsgrüsse, Marie

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