WILD AT HEART [1990]

Ein letzter Lebenshauch, bevor proletkult endgültig zum Archiv verkommt. Ein Weihnachtsgeschenk. Oder ein Abschluss passend zum Neujahresbeginn. Oder einfach mein Ordnungsdrang, das Gefühl die Dateien auf meinem Computer noch verwerten zu müssen, für den Zweck, für den sie einst entstanden sind. Ein paar Filme sind da also noch. Sie sind nicht exemplarisch, ihre Reihenfolge soll nichts über meine Vorliebe aussagen und die Auswahl ist rein zufällig.

Heute also WILD AT HEART, die Geschichte von Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern), die sich so leidenschaftlich lieben, dass sie in ihren Bläschen aus Sex, Zigarettenrauch und Rockmusik dahin fliegen, dessen Kokon aber immer wieder von der Realität angepiekst und zum Platzen gebracht wird. WILD AT HEART ist wie ein kitschiger Liebesroman, wie ein ein zauberhaftes Märchen, und den Helden der Geschichte stehen Feinde entgegen, die Bösen, die sie trennen und mit in den Abgrund reißen wollen.

Diese Lynch’sche Mischung aus Kitsch, Thriller und Groteske entlädt sich hier auf eine besondere visuelle Weise. Sailor und Lula sind ein junges Paar, das auf den ersten Blick wie der Prototyp des White Trash gilt. Beide aus verkorksten Familienverhältnissen, mittellos (sie flüchten in ihrem Wagen vor Lulas eifersüchtiger Mutter, der Film entwickelt sich schnell zum Roadmovie), er vorbestraft, sie vom Stiefvater misshandelt, sie rauchen, vögeln und frönen dem Rock’n’Roll und die Kirsche auf der Torte ist ihr Kleidungsstil!

Sailor Ripley pflegt den rebellischen Stil à la Marlon Brando / James Dean, mit Jeans, T-Shirt und Sonnenbrille, doch die obligatorische schwarze Lederjacke ist hier eingetauscht durch eine ikonische Schlangenlederjacke, die cool und hässlich zugleich ist, ganz so wie der trashige Seidenbomber von Ryan Gosling in DRIVE und die Teil der Handlung ist. Als Lula Sailor nach seiner Freilassung vom Gefängnis abholt, bringt sie ihm seine Jacke mit und mit dem endgültigen Moment der Erlangung seiner Freiheit, zieht er sich die Jacke über und fortan aus, wenn er in unangenehme oder eingeschränkte Situationen gerät. Dazu trägt Sailor die nach hinten gegelten Haare wie Elvis Presley, dessen Lieder er auch mehrmals im Film singt, denn natürlich ist das hier eine amerikanische Romanze, mit amerikanischen Klischees und Uniformen.

Laura Fortune stellt einen anderen amerikanischen Prototyp dar, sie ist schön, hoch gewachsen und schlank, ihre Kurven sind mädchenhaft, sie unterstreicht sie auf eine unschuldig-erotische Art, die sie lolitahaft wirken lässt. Im Kontrast dazu zieht sie sich lasziv an, mit körperbetonenden Kleidern und Bodies, Cut-offs, Leder und Spitze, durch die ihr roter Tanga (ja, in diesem Kontext muss ich Tanga sagen!) schimmert. Ihre langen blonden Haare sind wie bei einer Meerjungfrau gewellt, wie die Meerjungfrau in der Spieldose, mit der sie in einer kurzen Szene fasziniert spielt und Sailor präsentiert. Gleichzeitig sind sie neunzigerjahremäßig durchtoupiert und dann wieder wie bei Brigitte Bardot hochgesteckt. Rot durchzieht immer wieder ihre Garderobe, es scheint nicht nur für ihre Leidenschaft und Liebe (zu Sailor) zu stehen, sondern auch für die Bedrohung, für das Feuer, das sich als roter (!) Faden durch den Film zieht und für das Blut, das die Gewalt symbolisiert, die immer wieder einbricht.

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Leggins, Samt, Leopardenmuster… Lula ist ’ne richtige Uschi (und das Bild wurde für mich auf ewig geprägt Dank Kelly und Peggy Bundy in EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE).

Die roten Schuhe, die Lula zu ihrem durchsichtigen Spietzenkleid trägt, ist ein Zitat aus DER ZAUBERER VON OZ [1939]. Das Zitat bleibt jedoch nicht bloß Zitat. Lula klackt die Fersen aneinander als eine Art stummer Hilfeschrei, der sie aus der bedrohlichen Situation retten soll. Eine kindlich-unschudlige Geste, die Lulu vielleicht auch selbst aus den Märchen ihrer Kindheitstage übernommen hat.

Am Ende des Road Trips scheint das Liebespaar verloren zu haben. Lulu trägt eine weite Karottenjeanshose mit grober Lederjacke, aber dazu eine süße Candy-Kette, an die sie sich festhält.

Diese Welt ist „wild at heart and weird on top“, sagt Lulu an einer Stelle und nennt damit auch zugleich Programm des Films. Neben der ehrlichen Leidenschaft von Sailor und Lulu treten hasserfüllte Handlungsmotivationen bei den anderen Charakteren auf (bis auf meinen Schatz Harry Dean Stanton, der als ehrlich Liebender ebenfalls zum Opfer wird). Die Hässlichkeit der Seelen der „Bösen“ tritt wie in Märchenillustrationen auch bei ihrem Äußeren zutage. Lulas Mutter (Diane Ladd, übrigens auch im echten Leben die Mutter von Laura Dern) tritt zunächst in frigiden überkünstlichen 80er-Jahre-Kleidern auf, überschminkt und mit schlechter Perücke. Als sie nach dem Tod ihres Mannes (von dem rückblickend erzählt wird) in kriminelle Machenschaften verwickelt ist, kleidet sie sich wie eine glamouröse Gangstermatriarchin, mit wechselnden Perücken, auffälligem Make-up, langen grell lackierten Nägeln und weiß-beigen Kleidern. Mit den blonden Haaren und der hellen Kleidung scheint sie zunächst ein unschuldiges Bild von sich zu vermitteln, doch bilden die Details, die ja noch ganz in der Mode der 80er Jahre stehen, hexenartige Assoziationen. Und als sie zwischendurch vor lauter Wut die Kontrolle über ihre Hände zu verlieren scheint, überschminkt sie ihr komplettes Gesicht mit einem roten Lippenstift, was umso groteskter wirkt, als dass sie in dieser Szene eine brave Langhaarperücke mit pinken Schleifchen im Haar trägt und dadurch das skurille Bette-Davis-Bild aus WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JANE? abgibt.

Wären Sailor und Lulu in einer anderen Welt eingebettet, wären sie vermutlich optisch die Bösewichte, die Geschmacklosen, die Wilde. So ist ihr Look jedoch poetisch und schön, sie strahlen eine Wildheit aus, die aber natürlich gebändigt scheint, während ihre Antagonisten vor Hässlichkeit und Groteskerie übersprudeln.

5 Jahre, 10 Monate und 21 Tage später hat Lulu das Kind von Sailor zur Welt gebracht. Sie scheint zwar optisch gezähmt zu sein, die Locken sind zu seidigen Wellen frisiert und aufwändig angesteckt und das Leopardenkleid wurde durch ein braves, schwarz-weiß-gepunktetes Hosenkleid ausgetauscht. Lulu ist nun Mutter und hat ihre eigene Mutter ersetzt, die nun am Ende ist, verwahrlost und machtlos.

Auf ihrem Roadtrip wurde Lulu bereits von Vorahnungen heimgesucht, die die Katastrophe vorausdeuteten. So sah sie sich von einer Hexe auf einem Besen verfolgt, die wie ihre Mutter aussah. Hier auch ein Standbild der Mutter, nach ihrem emotionalen Ausraster, mit Blick auf ihre dämonischen Pantoffeln.

Es ist der Tag der erneuten Freilassung Sailors und zunächst scheint es, als ob das Paar nicht mehr zusammen finden würde, nach all der Zeit und all den Erlebnissen. Doch nach einer letzten Prüfung für Sailor, in der er sich endlich von der Gewalt freimacht und sich nicht von ihr einnehmen lässt, erscheint die gute Fee und gibt ihm eine zweite Chance. Er rennt Lulu hinterher und singt für sie auf einem Autodach „Love Me Tender“ und das Märchen findeet letztlich doch noch ein Happy End.

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