AUTUMN MOVIE TIME | VANILLA SKY [2001]

Oh shit, es ist Herbstanfang und kalt und ich war nicht schnell und stark genug, den Bazillen zu entkommen. Das Schlechte daran ist, dass ich meine letzten Ferientage nur im Bett verbringen konnte, wo ein Haufen Hausarbeiten und Essays geschrieben werden sollten. Doch das Gute ist! Dass ich guten Gewissens Billionen von Filme gucken konnte! Und es hat was mit dem Herbst auf sich, dass er in mir nicht nur die Lust auf Rot- und Brauntöne in meiner Garderobe, meinen Haaren oder meinem Make-up auslöst, sondern auch eine Lust auf ganz bestimmte Filme. Es muss tatsächlich sogenannte Herbstfilme geben, die ich zwar tendenziell immer gucken könnte, die ich mir aber erst in den kalten Septembertagen aus meinem Regal hole. Das kann nur daran liegen, dass die Darsteller in diesen Filmen auch die entsprechende Herbstgarderobe tragen (um mich mal im Frauenmagazinenjargon auszurücken). Letztes Mal war das DER LETZTE TANGO IN PARIS, wo Maria Schneider als Jeanne in einer Mischung aus Boho-chic und Flashdance-Lässigkeit mit Marlon Brando techtelmechelt. TWIN PEAKS kann ich mir jedes Jahr aufs Neue reinziehen, aber bei so viel Flannell will ich auch das entsprechende Wetter, weil die Serie mir fast hypnotisch das Muster in meinen Kleiderschrank aufdrängt. Dieses Wochenende gabs zwei Herbstfilme und der erste ist VANILLA SKY. (Mit dieser Bezeichnung beziehe ich mich natürlich auf die Kostüme der Darsteller und) Im Falle von VANILLA SKY könnte es keinen besseren Stilratgeber geben als Kostümbildnerin Betsy Heimann, die berühmt ist für die Anzug-Looks für RESERVOIR DOGS, für Uma Thurmans umwerfenden Stil in PULP FICTION oder für Kate Hudsons Hippie-Band-Aid-Look in ALMOST FAMOUS. Und für Penélope Cruz und Cameron Diaz dient Monets vanillefarbener Himmel als Hintergrund für die Outfits, was die Farbpalette perfektioniert. Blasse Blautöne, Vanillefarben, Beige, Braun, Senf, Bordeaux, etwas Lila und Schwarz. Ich glaub, mehr Farben tauchen nicht auf. Obwohl, Penélopes Ponyfrisur ist auch so ein Ding, das mich seit Jahren jeden Herbst verfolgt und weswegen ich es nie geschafft habe, mir meine vorderen Haare auswachsen zu lassen. Weil ich sie mir jedes Mal aufs Neue nachschneide, weil Penélopes Rolle und Look im Film mich jedes Mal aufs Neue bezaubert. (Und dann kriegt sie ein Nominierung für die Goldene Himbeere und Tom Cruise nicht? Also seine Haare haben mich noch nie inspiriert!)

Aber mal im Ernst, abgesehen davon, dass die Kostüme in VANILLA SKY echt toll aussehen und ich sie über zehn Jahre später immernoch genau so tragen würde, haben sie auch eine ganz bestimmte Funktion im Film. Außer darzustellen, dass Julie Gianni (Cameron Diaz) eine psychopathische Bitch ist und Sofia Serrano (Penélope Cruz) ein Mädchen mit Klasse, ja das Mädchen von nebenan, helfen die Kostüme auch die Schnitte zu verstehen, wenn David Aames (Tom Cruise) in seinem Life-Extension-Leben ein bisschen rumspinnt. Spätestens nach dem zweiten Schauen des Films hat man zwar verstanden, wer nun wirklich Julie und wer Sofia sein soll, wann welche wirklich existiert und wann nur im Traum vom kyrostasierten David. Und gerade diese Szenen sind auch die spannendsten. Wenn Julie plötzlich in Sofias Photographien auftaucht, mit den exakt selben Kostümen und Posen. Und wenn später zwischen beiden Darstellerinnen hin und her geschnitten wird, beide die selbe Tätigkeit ausführen in gleicher Jeans selbem Oberteil.

JULIE GIANNI ist ein wenig liebestoll und versucht sich die Aufmerksamkeit von David zu erzwingen. Sie ist eigentlich eine klasse Frau, offenbar selbstbewusst, eigenständig und modern. Ihre Kleidung ist recht sexy, aber immer mit einem irgendwie billigen Touch. Bedacht auf aktuelle Mode haften die 90er noch stark an ihr: Kunstlederhosen, bauchfreie Tops, durchgestufte „freche“ Haare, Mädchenfarben. Aber Julie fehlt es irgendwie an wahrem Stil und schon zu Beginn wird klar, dass ihr Selbstbewusstsein nur eine Show ist und sie eigentlich „das traurigste Mädchen ist, das je einen Martini in der Hand gehalten hat“:

SOFIA SERRANO dagegen ist die absolute Traumfrau eines jeden amerikanischen Kapitalisten, der endlich mal wieder einem Menschen vertrauen und wegen seiner inneren Werte geliebt werden will. Südländisch, subtil sexy, süß, ehrlich, mütterlich fürsorgend, bildhübsch… das kann so ewig weitergehen. Und obwohl sie so unscheinbar in einem riesigen Parka auf Davids Party auftaucht, fällt sie ihm mit ihrer tollpatschigen Art sofort ins Auge. Wie ein kleines Kind nimmt sie alles mit riesigen Augen auf, betrachtet die Gegenstände, Personen und Hologramme im Raum und gibt sich David gegenüber schlagfertig und kokett:(Schön wenn Cameron Crowe seine Liebe zur Nouvelle Vague kundtut.)

Unter dem Parka trägt Sofia eine Schlaghose aus blauem Denim, ein rostfarbenes Hemd und darüber einen braunbeigen Blazer. Ganz einfach und doch einer meiner liebsten Kostümmomente.

Julie taucht wieder unerwartet auf – in einem lilafarbenen Wollmantel und bordeauxrotem Schal:

Diese Szene im Park (bei so vielen Herbstblättern ist ja klar, wieso Herbstfilm) ist ein Traum von David und somit fiktiv. Danach kommt eine Szene, in der David, nach dem Unfall, Sofia bis in ihr Tanzstudio verfolgt. Das Outfit hier im Traum könnte eine Mischung aus dieser Begebenheit und ihrem ersten Treffen sein. Es ist zumindest der selbe Mantel und der Pullover scheint sich nur in seiner Farbe zu unterscheiden, aber hier ist es nur eine Vermutung, später schon was greifbareres.

Noch amüsanter bei den Kostümen ist, dass sie nur eine Art Übersetzung der Kostüme aus dem Originalfilm ABRE LOS OJOS sind, von 1997, in dem Penélope Cruz ebenfalls die selbe Rolle spielt. Die Szenen sind teilweise exakt 1:1 nachgespielt, nur spielt das spanische Original noch in den 90ern und… oh ja, das muss ich Euch einfach mal zeigen!

So, ab hier ist nix mehr echt. Seht Ihr auch an dem Himmel. Hier vermischen sich bei David reale Begebenheiten mit Träumen, Vorstellungen und fiktiven Ereignissen aus allem, was er in seinem Leben gesehen, gelesen oder gehört hat. Sofia trägt die Haare geschlossen wie bei ihrem Tanzraining und den selben Blazer wie aus ihrer ersten Begegnung auf seiner Geburtstagsfeier.

Neben der Schlaghose und den Turnschuhe taucht wieder ein bekanntes Element auf, nämlich Sofias Hemd, das hier bloß eine andere Farbe hat. Aus Rostbraun wird Blau.Die Brüste mag er sich nur so vorgestellt haben. Oder er hat Alejandro Amenábars ABRE LOS OJOS gesehen. Darin ist meine herzallerliebste Penélope ja noch etwas freizügiger.

Ja und klar, das Freewheelin‘ Cover von Bob Dylan:

Hir nochmal ein Beispiel dieser Verkettung zwischen Sofia und Julie, wenn beide abwechselnd im selben Outfit auf- und abtauchen:

Auf Davids Beerdigung, die er natürlich gar nicht mitkriegen konnte, taucht Sofia in einem wirklich schönen wollmantel auf, mit einem seitlichen Verschluss und braunen Lederstreifen versetzt. Ganz einfach und schlicht und doch könnte ich sie abknutschen!

Oh und zuletzt etwas Herzflimmern bei Tilda Swintons kurzem Auftritt:

2 Kommentare

  1. Wieder mal hast Du einen ganz tollen Film ausgewählt. Den mag ich auch sehr, visuell so ansprechend. Und zumindest beim ersten Schauen mit einem überraschenden Ende. Übrigens bevorzuge ich die Kopie gegenüber dem Original, was aber sicherlich daran liegen mag, dass ich die US-Kopie zuerst gesehen habe und anschließend (aus Neugier) eben das Original. Lg, Annemarie

  2. Pingback: ABRE LOS OJOS [1997] « proletkult

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