PETRA VON KANT | FASHION DESIGNER, MANNEQUINS AND BARONESSES

Ein Film, der eine Protagonistin hat, die Modedesignerin ist, der muss doch stylisch sein! Und auch wenn sich die Handlung des Films in nur einem Raum abspielt, sorgen wenigstens die Kostüme für Abwechslung. Zumindest die von Petra von Kant.

PETRA VON KANT: Petra ist erfolgreich in der Modewelt und für eine waschechte Designerin gehört vielleicht auch ein gewisser, exzentrischer Look. Wenn Petra im 1. Akt morgens aufsteht, das Gesicht noch von der Nachtcreme glänzend, ist von Glamour nichts zu sehen. Erst wenn sie sich ihren Seidenmantel überzieht, sich bei Anwesenheit ihres Besuchs schminkt und eine Perrücke aufsetzt, kommt langsam Spannung auf. Beim 2. Akt wird klar, dass Petra die Perrücke in ihrem Look fest integriert hat und so trägt sie in jedem Akt eine andere.

Als im 2. Akt der erwartete Besuch von Karin kommt, ist Petra in einer pompösen Aufmachung zu sehen. Wie eine antike Göttin trägt sie einen bodenlangen Tüll- oder Chiffonrock, der mit goldenen, bestickten Streifen spiralförmig zusammengebunden und unten mit blassrosa Blumen angesteckt ist. Davor blitzen silberne Sandalen hervor. Obenrum umühllt sie lediglich ein perlenbesetzter BH, der mit weiteren Perlenketten und einer Brosche umhangen ist. Dieser antike Look in Verbindung mit dem 70er-Jahre Interieur der Wohnung wird ganz besonders hervorgehoben, irgendwie weiß man nicht so recht, in welcher Zeit man sich eigentlich befindet. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der sie das Kleid trägt und sich darin bewegt, zeigt, dass das Outfit für Petra nichts besonderes ist. Für mich umso mehr, denn so eine großartige aufmachung habe ich wirklich selten in einem Film gesehen, zumindest noch nie in einem Film, dessen Handlung kein historischer Epos ist, sondern eine kleine, private Geschichte in Bremen der 70er Jahre erzählt.

Im 3. Akt plötzlich ein kompletter Wandel. Petra trägt eine rote Perrücke, ist blass geschminkt, ihr Gesicht sieht aus wie das eines ihrer starren Schaufensterpuppen. Sie ist verletzlich geworden, ihre anfängliche Stärke verlässt sie, sie ist Karin verfallen, ist misstrauisch, sogar eifersüchtig. So schön ihr rosanes Kleid auch ist, so bieder ist es gleichzeitig. Es ist bodenlang und verschlossen, die Ärmel sind trompetenförmig und es legt sich mit seinen mehreren Lagen schwer auf Petras Körper. Die gewellten Stofflagen sind auch noch verziert mit großmütterlichen Blumenmustern. An sich ist das Kleid zwar ganz schön, wenn auch irgendwie too much, aber in Anbetracht von Petras Emotionslage vermittelt ihr neuer Look eine gewisse Spießigkeit, vor allem, wenn Karin in ihrer verschlafenen Aufmachung so provozierende Aussagen von sich gibt und Petra sich darum bemüht, sie an sich zu binden. Es ist sicher ihr verletzlichstes Outfit.

Im 4. Akt ist das Geburtstagskind zu blond übergegangen. Sie trägt ein sattgrünes Chiffonkleid mit gerüschtem Schulterausschnitt. Am Halsband trägt sie rote Blumen komplementär zum Kleid. Einige reden ja davon, dass das schönste Kleid der Filmgeschichte das Kleid von Keira Knightley in ATONEMENT [ABBITTE] ist, aber für mich ist dieses hier von Petra absolut nicht zu überbieten! Bevor ich hier unproffesionelle Beschreibungen mache, seht einfach selbst:

Die Perrücken, die verschiedenen Stile der Kleider, das experimentelle Make-up – Petra scheint ständig in verschiedene Rollen zu schlüpfen. Während der Handlung versucht sie stets ihre Würde und ihren Stolz bewahren zu wollen, verliert in Sachen Karin aber immer wieder ihre Gefasstheit. Mit ihren Kostümen erhält sie die Fassade von der selbstsicheren und selbstständigen Erfolgsdesignerin auf.

MARLENE: Petras Assistentin ist irgendwie ne ganz dubiose Gestalt. Wie eine Uniform trägt sie ihr schwarzes Kleid durch den ganzen film hindurch. Dazu rote Haare in Wasserwellen gelegt und ein blass geschminktes Gesicht. Sie liegt optisch irgendwo zwischen einem Hausmädchen um die Jahrhundertwende und einer Stummfilmschauspielerin der 20er Jahre und dreht damit die Zeit im Film etwas zurück. Zumindest ist die Alte nicht wirklich durchschaubar, sie hält sich mit ihrem konstanten Look im Hintergrund, spielt aber offenbar eine größere Rolle im Film, als man vermutet, wenn schon die Einblende zu Beginn des Films auf sie verweist.

KARIN THIMM: Unsere Sympathie liegt zunächst ganz auf Karins Seite, die sich als Mannequin versuchen will, die aus einfachen Familienverhältnissen stammt und deren Vergangenheit von Tragödien gezeichnet ist. Passiv gibt sie sich der Beziehung zu Petra hin. Ab dem 3. Akt jedoch wird klar, dass sie sich von Petra nur Hilfe für ihre Karriere  erhofft hat, dies gelegentlich mit Liebesdiensten belohnt, aber sie belügt und quält. Ihre naive Art gleicht sie dabei mit ihrem Selbstbewusstsein wieder auf. Petra liebt Karin, liebt ihre weiche Haut, ihre Haare, vielleicht auch ihre Kindlichkeit. Kostümmäßig ist auch Karins Look irgendwie nicht von dieser Welt, zumindest der Zeit. Am Anfang und am Ende trägt sie ihr Mantelkleid mit den Federnkragen, der vom Schnitt her und noch zusammen mit ihren voluminös hochgesteckten Haaren an die Mode um 1910 erinnert. Ansonsten sehen wir noch im Nachthemd.Die Tatsache, dass sie am Anfang und am Ende quasi das gleiche trägt, zeigt, dass sie keinerlei Entwicklung durchgemacht hat, im Gegensatz zu Petra. Während sich bei dieser nämlich sowohl emotional wie auch optisch so viel zu tun scheint, wirkt Karin unerschütterlich und unberührt. Nur im 2. Akt, als sie Petra besucht, ein Besuch, von dem sie sich eine große Zukunft verspricht, wirft sie sich in Schale. So gewieft, wie sie ist, passt sie sich an und trägt ebenso wie Petra einbodenlanges Kleid im antiken Look mit einem goldenen BH-Aufsatz.

SIDONIE BARONIN VON GRASENABB: So spießig die Baronin ist, so spießig ist auch ihr Look. Zwar geht sie mit ihrem kecken Haarschnitt mit der Mode, aber ihr Kostüm im ersten Auftritt ist bis unters Kinn geschlossen und mit einem Pelzbesatz versehen, das sie stets fürsorglich streichelt. Im zweiten Auftritt trägt sie ein Kleid im Stil der Zwanziger Jahre mit runtergerutschter Taille.

Und die Mutter VALERIE: Wisst Ihr, an wen mich der Look der Mutter erinnert? An die Mutter von Rose in TITANIC. Wir haben wieder so einen Zweiteiler, ganz adrett, dazu hochgesteckte Haare und ein aufwändiger Hut mit Federn. Im Vergleich zu Petra scheinen alle irgendwie so altbacken gekleidet zu sein und gerade die Kleidung verunsichert den Zuschauer darin, in welcher Zeit er sich geraden befinden soll.

Kostümbildnerin war Maja Lemcke, von der ich leider kaum was herausgefunden habe. Soweit ich weiß, ist DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT ihre einzige Arbeit beim Kostümbild. Die Gegenüberstellung von Petras ständig wechselnden, aber avantgardistischen Outfits mit den irgendwie in der Zeit hängen gebliebenen, ich sag mal in dem Zusammenhang konservativen Kostümen der anderen Darstellerinnen ist jedenfalls überaus gelungen. Und es sind auch ihre Kleider und Perücken, die die Bilder des Films so unverwechselbar gestalten, Bilder, die man irgendwie nicht mehr vergessen kann, trotz ihrer Einfachheit.

Ein Kommentar

  1. supertoll, deine zusammenfassung!

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