DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT [1972]

Die Geschichte der fünfunddreißigjährigen, erfolgreichen Modeschöpferin Petra von Kant (Margit Carstensen) spielt sich in fünf Akten in einem einzigen Raum ab, nämlich in Petras Schlafzimmer und Atelier in ihrem Loft in Bremen. Es ist ein Kammerspiel und der Fokus liegt auf die Figuren selbst, auf ihre Emotionen und Handlungen Der Rahmen ist gegeben und verändert sich nicht/kaum und ebenso führt uns die Kamera voyeuristisch durch den Raum, wie versteckte Kameras, der Schnitt minimiert.

Petra lebt also mit ihrer devoten Assistentin Marlene („… gewidmet dem, der hier Marlene wurde“, gespielt von Irm Hermann), die sie herumkomandiert und die sich um alles kümmert, was so im Haushalt und Alltag von Petra ansteht. Petras Wohnung ist mondän eingerichtet, ein raumgroßer Flokati ziert den Boden, Modezeichnungen hängen aus, Schaufensterpuppen sind anonym über den Raum verteilt und eine Wandseite ist mit Nicolas Poussins Gemälde „Midas und Bacchus“ (um 1624) tapeziert, die einzigen Männer im ganzen Film die zumindest bildlich auftauchen und mit ihrer überdimensionalen Größe auf die Frauen und das Geschehen hinunterschauen.

I. AKT: Sidonie Baronin von Grasenabb (Katrin Schaake) besucht eines morgens Petra und will sich über deren Zustand erkundigen, nachdem diese ihre Trennung von ihrem Mann bekannt gegeben hat. Die beiden unterhalten sich über Beziehungen und während Sidonie ihre Taktik verteidigt, sich beim Mann in Demut zu üben und so angeblich indirekt die Macht in einer Beziehung zu erhalten, hält Patra nichts von solchen Spielchen und spricht sich für Ehrlichkeit und vor allem Selbstbewusstsein aus. Sie erzählt von der Missgunst ihres Mannes ihr gegenüber, nachdem sich zunehmend Erfolg in ihrem Beruf einstellte. Sie erzählt auch, wie dieser diesen Komplex sexuell wieder ausgleichen wollte und wie sich mit der Zeit bei Petra Ekel einstellte. Macht und Demut und die Entwicklung von Liebe zu Abscheu, Petra vermag diese Aspekte besonders aufmerksam beobachtet oder vielmehr erlebt zu haben und es ist als Zuschauer besonders interessant, ihren Theorien zuzuhören. Petra macht einen selbstbewussten Eindruck, mit ihren Kommandos Marlene gegenüber wirkt sie sogar schon unsympathisch und dominant. Aber überlegen bringt sie ihre Lebensansichten hervor und man kauft ihr ihre Selbstsicherheit auch ab.

Hier erscheint Karin Thimm (die göttliche Hanna Schygulla), die Sidonie abholen soll und die seit kurzem wieder in Deutschland ist, nachdem sie einige Jahre in Australien verbrachte und hier nach ihrer gescheiterten Ehe wieder Fuß fassen möchte. Petra findet offenbar Gefallen an das Mädchen und lädt sie zu sich ein, um sie beruflich zu beraten und zu unterstützen.

(Links ein Standbild aus dem 1. Akt, als sie im Leben Petras eintritt, rechts dem gegenübergestellt Karin im 3. Akt., als sie dabei ist, Petra zu verlassen.)

2. AKT: In dekadenter aber extrem verführerischer Kleidung treffen Petra und Karin aufeinander und lernen sic kennen. Karin ist jung, scheint aber schon einige Dramen erlebt zu haben, die Petra widerum nur noch stärker anziehen. Sie bietet Karin an, sie als Mannequin zu fördern und berühmt zu machen. Marlene beobachtet still das Geschehen.

3. AKT: Es ist inzwischen etwa ein halbes Jahr vergangen. Karin scheint gelangweilt und wendet sich Petra ab, während diese zwischen Gleichmut und Verzweiflung wechselt und versucht, sie Karin anzunähern. Während des Szenarios trinken beide Gin, Petra aus Verzweiflung, Karin aus Langeweile. Nach provozierenden Ausdrücken Karins, wird Petra immer klarer, dass Karin nur um ihres Nutzens willen bei ihr bleibt, um weiter von ihr ausgehalten zu werden und Berühmtheit zu erlangen. Doch als Karins Ehemann sich plötzlich meldet und sie bittet, ihn zu besuchen, fühlt sich Petra vollends betrogen und bricht schmerzvoll zusammen. Ein letztes Mal bittet sie Karin, wieder zu ihr zurückzukehren, versucht sich zwischendurch zu beherrschen, nur um Karin wieder harte Beleidigungen an den Kopf zu werfen.

4. AKT: Karin ist nicht wiedergekommen und es ist Petras Geburtstag. In Erwartung an einen Anruf von Karin sitzt sie neben dem Telefon, trinkt und wartet gebannt auf den ersehnten Anruf, schwankt aber wieder zwischen absoluter Verzweiflung und bitterer Selbstbeherrschung. Petra hat die Abhängigkeit, an die sie sich zu Beginn der Geschichte so festgehalten hat, verloren und scheint nun für nichts anderes zu leben, als für ihre Liebe zu Karin. Als später ihre Tochter zu Besuch kommt, anschließend Sidonie und zum Schluss auch noch ihre Mutter, kann Petra ihre Verzweiflung öffentlich nicht mehr zurückhalten und drückt ihren Besuchern gegenüber ihren Abscheu aus. Ihr Nervenzusammenbruch ist so gar nicht das, was ihre gutbürgerliche Tochter zu sehen verkraftet und Mutter Valerie ist auch erstmal baff, als sie erfährt, dass ihre Tochter eine Frau liebt.

5. AKT: Petra liegt in ihrem Bett im abgedunkelten Schlafzimmer, von ihrer Mutter gepflegt. Nach ihrem Nervenzusammenbruch scheint sie wieder zu sich gekommen zu sein. Ihr Kostüm ist abgelegt, sie ungeschminkt, „nackt“ und sieht ein, dass sie einen Fehler begangen hat. „Man muss lernen zu lieben, ohne zu fordern“, sagt sie. Sie will sich ändern und beginnt damit bei Marlene, die sie die Jahre lang so schlecht behandelt hat, zumindest von außen betrachtet, denn Petra entgegnete diesen Vorwürfen stets mit „Sie will es ja nicht anders!“. Und was passiert, als sie Marlene darum bittet, ihr was aus ihrem Leben zu erzählen, ihr also entgegenkommt und menschlich zu ihr wird? Marlene packt wortlos und demonstrativ ihren Koffer und verlässt Petra.

So ungefähr spielt sich die Handlung ab und so statisch die Kameraführung auch ist, so dynamisch sind die Emotionen. Der Raum vermittelt eine klaustrophobische Wirkung und die Spannung, die sich zwischen Petra und ihren Gegenspielerinnen aufbaut, wird so umso nachvollziehbarer. Den Ausbruch, den sie beim Höhepunkt erreicht, hätte auch unser Ausbruch werden können, bei dem vielen Kitsch, von dem das Bild umgeben ist und aus dem wir nicht flüchten können (außer wir machen den Film aus, klar). Aber gerade in Anbetracht dieser S&M-Verflechtungen spielt der Raum eine unterstützende Rolle. Während sonst immer bei Mann-Frau-Beziehungen von Unterdrückungen die Rede ist, weil, sagen wir mal ikonogrfisch, der Mann das stärkere Geschlecht ist, spielen sich die Macht- und Demutsrollen hier zwischen zwei Frauen ab. Dazu der feministische Aspekt – denn Petra ist in den 1970er Jahren beruflich erfolgreich und emanzipiert und verließ ihren Mann, der damit nicht zurechtkam – dass der Film ausschließlich weibliche Rollen bietet, deren Probleme und Handlungen nicht von Männern getragen werden und die folglich selbst für ihr Glück oder Unglück verantwortlich sind.

Masochismus spielt auch bei Marlene, der Sekräterin, eine Rolle. Wo wir zunächst Mitgefühl für sie empfinden, weil sie von Petra so herumgescheucht wird, wird zum Ende hin klar, dass sie diese Rolle selbst gewählt hat. Wie eine ergebene Sklavin fügt sie sich wortlos den Befehlen Petras und als sie in der Schlusszene als Individuum betrachtet wird, als ein Mensch mit Vergangenheit, packt sie ihre Koffer, ja wirkt schon fast verbissen über Petras ungeheure Tat, sich nach ihrem Leben zu erkundigen. Ich bin auch auf eine andere Interpretationsmöglichkeit gestoßen, in der man der Meinung ist, dass Marlenes Weggang als Statement fungiert, dass sie an Petras positiver Wandlung nicht glaubt. Dafür spricht natürlich auch ihre beobachtende Rolle im Laufe der Handlung, denn ständig lässt sie ihre Arbeit stehen, um den Gesprächen Petras mit anderen zu lauschen. Dabei zeigt sie keinerleig emotionale Regung, aber immerhin Neugier.

Besonders gelungen ist der ständige Kontrast im Film. Der Kontrast zwischen Männern und Frauen, der hier optisch (Figuren auf dem Gemälde und „reale“ Figuren) zwar besteht, inhaltlich aber aufgehoben wird. Die Kameraführung im Vergleich zum Inneren Geschehen, wie erwähnt. Kostümliche Kontraste (zu denen ich morgen kommen werde). Hart-Weich-Kontraste, Farbkontraste… Das geilste, was mich jedesmal aufs Neue amüsiert, ist die Sprache im Film. Wenn die Umgebung Anmut und Priveligiertheit ausdrückt und dann plötzlich vulgäre Ausdrücke kommen wie „Leck mich am Arsch“ oder „ein schwarzer Schwanz“ oder „dreckige Hure“ usw. Und was absurdes brachte Fassbinder auch noch mit ein, wenn Petra sich zum Beispiel im zweiten Akt mit Karin unterhält und Marlene im hintergrund so laut auf der Schreibmaschine tippt, dass man fast nichts mehr versteht und an interessanten Stellen bricht sie einfach ab und starrt die beiden Frauen lauschend an. Wer sich da noch weiter vertiefen will, auf Senses of Cinema gibts eine ellenlange Analyse des Films.

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