MALÈNA [2000]

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Photographie mit Ninalee Craig als „American Girl in Italy“ 1951 von Ruth Orkins an MALÈNA erinnert. Wie sie selbstbewusst durch die Gassen läuft und dabei von allen umstehenden Männern angegafft und angeflirtet wird, während sie erhobenen Hauptes die Kommentare und Anspielungen ignoriert.

Während Malèna von den männlichen Dorfbewohnern sexualisiert wird und die weiblichen Bewohnerinnen sich von ihrer Schönheit provoziert und bedroht fühlen, wird sie von dem kleinen Renato mystifiziert und romantisiert. Wir sehen sie durch seine Augen als die vollkommene Frau. Anfangs sympatisieren wir mit ihr, sehen, wie sie nachts von ihrem Ehemann träumt und ihn aufrichtig zu lieben scheint, wie sie mit naiver Einstellung ihre schönen Kleider trägt und sich nicht bedecken will, sondern im Gegenteil auf ihren hohen Pumps click-clack durch die Straßen zieht und ihre Erledigungen tätigt. Immer alleine, introvertiert und fast schon schüchtern.

Neben den Beobachtungen Renatos sehen wir auch seine Phantasievorstellungen, in denen er Erlebnisse oder Filmszenen mit seinen Malèna-Phantasien vermischt. Es sind schließlich zwei Geschichten, die hier erzählt werden und ihre Beziehung zueinander. Wie Malènas Entwicklung seinen Prozess des Erwachsenwerdens beeinflusst und umgekehrt wie er ihr am Ende hilft, indem er ihrem zurückgekehrten, totgeglaubten Mann erzählt, was passiert ist und wo er Malèna finden kann.

Nach den ersten unbefangenen Tagen wird die Kriegssituation ernster. Malènas Mann wird für tot erklärt, was für sie nicht nur tiefe Trauer bedeutet, sondern auch ein Alleingestelltsein auf sich. Sie läuft von Gebäude zu Gebäude, um eine Anstellung zu finden, was schwierig ist, wo ihr Ruf zunehmend leidet. Sie erhält gelegentlich Almosen von Männern, die aber eine Gegenleistung erwarten. Mit dem schwarzen Chiffontuch um ihre Gesicht wirkt sie wie eine Heilige. Durch Renatos heimliche Verfolgungen sehen wir, dass sie sich in einer ausweglosen Situation befindet, in der ihr ihr Selbstbewusstsein zum Verhängnis geworden ist. Nun hat sie keinen ehrwürdigen Ehemann, auf den sie sich berufen kann, sondern fällt bei ihrem Kampf ums Überleben nur noch tiefer und verliert sich in Vorwürfen und Hasstiraden. Das führt bis zu einer Anzeige, bei der eine betrogene Ehefrau ihr vorwirft, ihren Mann verführt zu haben. Vor Gericht erscheint Malèna ganz brav mit zusammengeschlossenen Haaren und in Trauer gekleidet. Ein bisschen heuchlerisch und es erinnert wohl heutzutage an Gerichtsauftritte von Lindsay Lohan oder Nicole Richie.

Nach der Verhandlung, als Malèna auch von ihrem Anwalt sexuell bedrängt wird und kein anderes Zahlungsmittel mehr aufzuweisen hat, als ihren Körper, beschließt sie aufs Ganze zu gehen. Sie ändert ihr Aussehen, schneidet sich die Haare und färbt sie sich rot. Für die Dorfgemeinschaft scheint das nur eine Bestätigung dafür zu sein, was sie sowieso schon von ihr gehalten haben. Als Malèna zum ersten Mal in diesem Look durch die Straßen läuft, scheint sie zunächst selbst überrascht zu sein über die offensichtliche Zuneigung der vielen Männer, die sich quasi um sie reißen. Gleichzeitig bewahrt sie sich einen kühlen Gesichtsausdruck und ihren Stolz. Die Szene wirkt fast schon resignativ, als würde sich Malèna, sowieso schon verachtet und verurteilt, sich ihrem Schicksal hingeben. Anfangs zu Unrecht verurteilt, macht sie sich fortan der Vorwürfe schuldig. Und doch kann man als Zuschauer einsehen, dass ihre Situation hoffnungslos ist und ihr keine andere Wahl übrig bleibt.

Malena wird dreister und lässt sich mit deutschen Soldaten ein. Für die Dorfbewohner wie ein Schlag ins Gesicht. Die Phantasien von Renato scheinen nicht mehr romantisiert, sondern vorwurfsvoll. Er stellt sie sich als hedonistische Lustsklavin vor, die sich heuchlerischerweise den Deutschen anpasst.

Und dann hört der Krieg auf und Malèna steht auf der falschen Seite. Die Dorfbewohnerinnen erlangen ihre Vormachtstellung zurück und lassen explosiv ihre Wut und ihren Hass an ihr Opfer aus. Sie entblößen sie, schlagen sie, spucken sie an, zerschneiden ihr die Haare und schikanieren sie. Die Männer, die drum herum stehen sehen teilweise geschockt zu, greifen aber nicht ein. Malèna, die wegen der Dorfbewohnerinnen in ihre Lage gedrängt wurde, wird jetzt auch noch dafür bestraft, dass sie den einzigen Weg gegangen ist, den sie gehen konnte. In dieser ohnmächtigen Situation kann sie nur noch flüchten.

Und schließlich Malènas letzte Wandlung. Es ist dieses Ende, dass den Film eigentlich so tragisch macht und für mich nicht mit Tornatores Darstellungstil übereinstimmen mag. Malèna und ihr Mann, beide vom Krieg gezeichnet, kehren ins Dorf zurück. Demütig wirken sie, vor allem Malèna mit ihrer braven Frisur (ihre kurzgeschorenen Haare sind wieder mit der Naturhaarfarbe bis zur Kinnlänge gewachsen) und dem deprimierenden, matten Anzug und flachen Schuhen scheint es, als hätte sie sich den Erwartungen der Gesellschaft hingegeben. Es hat schon fast etwas armseliges, dass sie ihren anfänglichen Stolz verloren zu haben scheint und nun ins Dorf zurückkehrt, sich anpasst und ihre Individualität und vor allem Stärke unter einem unförmigen Kostüm versteckt. Sie scheint keine Bedrohung mehr zu sein und wird akzeptiert. Ein enormer Verlust, den ich hier am Ende gefühlt habe.

„They killed Malèna and she was reborn in their design; plain and anonymous.“

Die Dorfbewohner haben gewonnen.

Zum Schluss noch einige Bilder von Renato, dessen Kostüme übrigens entwicklungsmäßig recht interessant sind. Dadrunter die blonde „Kollegin“ von Malèna während ihrer Zeit als Prostituierte für die deutsche Besatzung und rechts daneben eine der typischen, konservativen Dorfommis. Ausgezeichnete Leistung von Kostümbildner Maurizio Millenotti, wie ich finde.Zitat und einige Bilder aus: clothes on film und listal.

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