NAKED LUNCH [1991] | „NOTHING IS TRUE. EVERYTHING IS PERMITTED.“

NAKED LUNCH ist keine Verfilmung des gleichnahmigen Romans von William S. Burroughs, sondern vielmehr eine metatextuelle Adaption, in der mein Lieblings-Horror-Regisseur David Cronenberg mehrere Werke Burroughs und autobiografische Begebenheiten seines Lebens miteinander vermischt:

„‚Naked Lunch‘ kombiniert Motive aus dem Roman mit Ereignissen aus dem gewissermaßen realen Leben des Autors (dargestellt von Peter Weller) – der Tod der Frau, ein Aufenthalt in Nordafrika. New York, Tanger, der fiktive Ort ‚Interzone‘, Rausch, Visionen, Leben and Literatur bilden in Cronenbergs „Naked Lunch“ ein schwer durchschaubares Gespinst.“ – cronenberg.de

So schwer durchschaubar ist der Film dann zum Glück doch nicht. Zumindest im Vergleich zum Roman, wo Burroughs verschiedene Versatzstücke mit der Cut-Up-Methode wieder miteinander verband, was einem bei der Art des Erzählten (Halluzinationen und Phantasien, Erzähltes und Erlebtes) nur die Wahl übrig lässt, jeden Satz, jeden Abschnitt für sich zu lesen.

Abgesehen davon, dass der Roman als unverfilmbar galt, hätte es wohl keinen geeigneteren Regisseur geben können, der das Beatnik-Werk so gelungen hätte darstellen können. Aus dem Drogenrausch des Autors eine in sich logische Phantasiewelt zu schaffen, mit Spionen und Verrätern, mit Orgien und Exzessen, und im Hintergrund irgendwie immer absurd.

Den Kontrast zu diesem irgendwie echt fertigten Lebensstil von Bill Lee (Peter Weller) bildet der zeitgeschichtliche Hintergrund der 50er Jahre. Der Roman, den Burroughs zu dieser Zeit schrieb und 1959 veröffentlicht wurde, kennt natürlich keine neuere Zeit als diese. Aber 30 Jahre später, als Cronenbergs Verfilmung erscheint oder heute, wenn wir den Film schauen, blicken wir zurück auf eine Zeit, die im kollektiven Gedächtnis als konservativ und spießig abgespeichert ist, in der vielleicht Teenager gegen strenge Hausregeln rebellierten, in der aber doch unmöglich Droge, höchstens Zigaretten und Alkohol, konsumiert wurden. Nein das kann ja gar nicht möglich sein, die Menschen sahen doch so gepflegt aus, mit den toupierten Haaren, den überknielangen Kleidern, den polierten Lackschuhen und diskreten Hüten. Diese Pleasantvillsche, nostalgische Rücksicht ist natürlich verfälscht, so wie auch die 20er Jahre nicht nur golden waren, sondern eben auch düster (sorry für diese klischeehafte Gegenüberstellung von Gut und Böse und Drogen-Abstinenz und Drogen-Konsum, aber er nützt der Veranschaulichung). Heute konnotieren  wir mit dem Junkie einen heruntergekommenen, mageren Menschen, vielleicht ein Bild, das sich durch Darstellungen wie WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO entwickelt hat. Und der Protagonist in NAKED LUNCH, im roman und im Film, scheint dagegen völlig „normal“ zu sein, trägt Anzug und Hut, geht einer Arbeit nach und ist über dies künstlerisch tätig.

Im Film wird eben dieser Hintergrund rekonstruiert und der Wahn, den Bill Lee durchlebt umso befremdlicher, erscheint uns umso absurder. Zwei wichtige Instrumente dieses Befremdungsmechanismus sind in NAKED LUNCH zum einen die Schreibmaschine, auf die ich im nächsten Post kurz eingehen werde, zum anderen die Kostüme. Diese entwarf, wie in den meisten Cronenberg-Filme, die Frau des Regisseur Denise Cronenberg.

Das reale Lebensumfeld des Protagonisten entwirft sie klassisch nach. Für die Scheinwelt der Interzone in Tanger lässt sie die Charaktere in orientalischen oder kolonialistischen Kostümen auftreten und unterstütz somit das Gefühl der Befremdlichkeit des Protagonisten.

RoboCop Bill Lee (Peter Weller) mag den typischen Detektiv im Trenchcoat mit heruntergezogener Hutkrempe aus einem Film Noir erinnern. Schließlich ist er auch Agent in der Interzone. Das Braun seiner Anzüge erinnert mich zumindest an das typische Bild eines Intellektuellen in seiner (Cord-)Kleidung und auch Bill Lee hat eine gründliche Ausbildung genossen, auch wenn er seinen Unterhalt mit dem Beruf des Kammerjägers verdient. Auch wenn seine Kleidung sowohl in den USA als auch in Marokko kaum variiert, sind doch die Muster und Motive auf seinen Krawatten recht interessant. Oder auch nicht:

Joan Lee / Joan Frost (Judy Davis). Die beim Wilhelm-Tell-Spiel umgekommene Ehefrau von Bill, die so Rauschabhängig ist, dass sie das Pulvergift aus der Sprühflasche ihres Kammerjäger-Manns stiehlt und es sich direkt spritzt, hält sich vorwiegend in den eigenen vier Wänden auf und scheint auf ihr Äußeres dementsprechend keinen Wert mehr zu legen. Ihr Ebenbild Joan Frost in Marokko wahrt dagegen einen gepflegten Schein und passt sich kleidungstechnisch nicht nur den südlichen Temperaturen an:

Unterscheiden lassen sich Lee/Frost durch ihre Haare. Joan Lee trägt nur leicht gewellte Haare (vgl. Femme Fatale der 40er Jahre), während Joan Frost ihre krause Locken meist hochsteckt. Am Anfang und Ende des Films tragen die beiden Charaktere jeweils einen Bademantel, der sich nur in seiner Farbe voneinander unterscheidet:

Hank (Nicholas Campbell) und Martin (Michael Zelniker) repräsentieren das jeweilige Alter-Ego von Jack Kerouac und Allen Ginsberg:

Tja und Fadela (Monique Mercure)? Die sieht einfach nur cool aus in ihren Reiterhosen mit Peitsche, den strengen Haaren und später in ihrer Verwandlung zu Dr.Benway im diktatorischem Aufzug mit Zigarre im Mund:

Tausenfüßler-Kette:

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