16 YEARS OLD WHITE RICH GIRL IN 1912 | ROSE DEWITT BUKATER

Etwas sollte man TITANIC unbedingt gutschreiben: seine möglichst realistische Darstellung der historischen Fakten. Die genaue Rekonstruktion des Unfalls und visuelle Wiederherstellung des gesamten Schiffs waren wohl die herausforderndsten Aspekte bei der Verfilmung gewesen.

Vielmehr interessieren mich jedoch die gesellschaftlichen Konventionen um 1912. Damit meine ich nicht nur den bereits gewaltig blühenden Kapitismus und seine Einteliung der Gesellschaft in hierarchischen Klassen. Auch die Kluft zwischen Mann und Frau, die „Unterdrückung der Frau“, wird in TITANIC thematisiert. Und einen Schritt weiter wäre da die Verbildlichung dieser kulturellen Situation, ihre Umsetzung in Kleidung. Und diese ist Deborah L. Scott in TITANIC exzellent gelungen. In Historienfilmen kann verdammt viel schief gehen. In den meisten Fällen wirken die Kostüme eben wie Kostüme. Dass es in TITANIC nicht so ist, könnte natürlich auch daran liegen, dass der zeitliche Abstand noch nicht allzu groß ist, als der Film 1997 erscheint, liegt der Unfall der Titanic grade mal 85 Jahre zurück. Und dann wäre da noch die Ära selbst. Die Edwardische Epoche in Großbritannien prägte unser Bild von formellen Engländern in adretten Kleidern beim Tee bis heute. Es ist die moderne Version des Viktorianischen Zeitalters und die konservative Vorhaltung der Goldenen Zwanzigern. Und nicht nur in England, sondern in ganz Europa und Amerika stehen die Frauen kurz vor der Befreiung ihres Korsetts. Womit wir zum praktischen Teil der Kleidung um 1912 kommen. Die feine Gesellschaft wechselte seine Kleidung vier bis fünf Mal am Tag. Diese war oftmals so aufwendig verarbeitet, dass Dienstmädchen und Diener unerlässlich waren. Dafür aber war die Kleidung wundervoll detaillreich, jedes Kleidungsstück Haute Couture oder Alta Moda, zumindest maß- und handgefertigt. Die Liebe zum Detail, der gesamte Prunk, wurde in den Kostümen für TITANIC umgesetzt. Selbst die letzten Charaktere in einer Szene, irgendwo ganz hinten im Bild, scheinen ein eigenes kleines Meisterstück zu tragen. Und sie alle bewegen sich so natürlich darin, als wäre es ihre eigene alltägliche Kleidung. Natürlich reden wir von der 1. Klasse. Und auf die werde ich vor allem eingehen, auch wenn ich ein großer Fan von Jack Dawsons 3. Klasse Look bin, von der Schiebermütze seines Freundes Fabrizio und der Frisur dessen neuer Freundin. Aber so gigantisch der Film nunmal ist, so musste ich mich leider beschränken. Und die Konzentration auf den Kleidern der anmutigen und engelsgleichen Rose DeWitt Bukater scheint da naheliegend.

1. „Boarding-Dress“:

Das Kleid besteht aus mehreren Lagen weißer Seide mit nadeldünnen, violetten Längs- und Querstrefen. Der Kragen und der „Gürtel“ sind aus violettem Samt, sogar die Knöpfe sind mit Samt überzogen. Das Mieder ist aus feiner Spitze und mit Perlen besetzt. Das Perlenmuster seht Ihr am Schnitt des Kragens wieder. Der Zweiteiler und wirkt wie ein bodenlanger Anzug in Kleidform. Die harten geometrischen Formen verlaufen nicht nur im Muster, sondern auch im Schnitt, wenn diagonale Linien senkrechte treffen und Halbkreise und Vs entstehen. Rose geht mit diesem Kleid an Board und Farbe und Muster erinnern an Marinekleidung. Übrigens sind alle Schuhe im Film von Peter Fox.

2. Dinner I:

3. Tee: Das „Edwardian Hobble Skirt“ ist aus artischokenfarbenen Satin mit einem weißen Spitzenüberzug. Der untere Teil ist mehrlagig, die Spitze verläuft von oben nach unten wie spitze Fischschuppen. Der Hut und das Täschchen kommen im Film nicht vor:

4. „Jump-Dress“: Das Kleid, das Rose trägt, als sie aufgelöst und verzweifelt von Board springen will, ist aus roter Seide und schwarzem Chiffon. Das einzigartige daran ist die aufwendige Besetzung am ganzen Kleid und die tränenförmigen Glasfransen am Ende, die Rose schließlich auch zum Verhängnis werden, da sie darauf ausrutscht. In den Deleted Scenes seht ihr eine Szene nach dem Dinner, als Rose in ihrer Kabine eigenständig versucht aus dem Kleid zu kommen und dabei einen Nervenzusammenbruch erleidet. Das ist schließlich auch der Auslöser für ihren Suizidversuch. Deswegen sind ihre Haare auch so zerstrubbelt:

5. Deck: Als Rose sich persönlich bei Jack Dawson für ihre Rettung bedanken will, greift sie auf ein „leichtes“ Tageskleid mit goldenem Satin zurück. Die Ärmel und Schultern des weißen, oberen Teils des Kleides sind goldbestickt. Der Gürtel trägt eine ovale Brosche. Auch hier gibt es eine gelöschte Szene, nämlich in der Rose zum Deck der 3. Klasse gelangt, um Jack aufzusuchen. Dabei leuchtet sie in den goldenen und weißen Farben wie eine Göttin auf und wird von den Passagieren mit weit aufgerissenen Augen begafft:

6. Dinner II: Das Abendkleid, das Rose trägt, als Jack mit ihr in der 1. Klasse diniert, folgt wieder dem Schwarz-Roten Schema. Das Unterkleid ist aus lachsfarbenem Satin und ist von schwarzem Chiffon überzogen. Die Linien des Chiffons verlaufen im unteren Bereich quer nach unten gerichtet. Es ist noch viel aufwändiger bestickt als das Kleid, das Rose trägt, als sie vom Schiff springen will, es ist durchzogen von weißen und schwarzen Steinen. Dazu trägt Rose lange, weiße Satinhandschuhe und ein schwarzes Täschchen. Mein Lieblingsteil dieses Outfits ist aber die Frisur von Rose. Ihre Haare sind zu einem großen Dutt zusammengesteckt und vorne gucken einzelne, kleine, deinierte Löckchen heraus. Von vorne bis hinten verläuft ein mit glitzernden Steinen besetztes Haarband, das sich muschelförmig nach innen dreht. Selbst bei der Strumpfhose sieht man die Details: die einzelnen Bereiche wie Zehenspitzen, Ferse etc. sind einzeln zusammengenäht.

7. Katerfrühstück:

8. „Flying-Dress“: Dieses Kleid ist wirklich majestätisch. Es besteht aus royalblauer Seide und oben aus schwerem, dunkelblauem Samt. Außergewöhnlich ist, dass die Schultern, also die Armpartien, nicht angeneht sind, sondern ineinander überfließen. Das Kleid wurde angeblich nach einem Kleid entworfen, das die Frau des Governors von Pennsylvania zu der Zeit besaß und die einen herausragenden Modegeschmack gehabt haben soll. Das originale schwarze Kleid wurde hier in königlichem Blau übersetzt, das Mieder ist aus weißer Spitze. Die Satinschals am Oberteil sind mit asiatischen Blumenmustern bestickt. Dazu trägt Rose eine gehäkelte Handtasche und einen Schal, den sie über ihre Schultern wirft. Es ist das legendäre Kleid, in dem Rose und Jack „fliegen“, vor einem wirklich ultrakitschigen Hintergrund aus Rot-Orange:

9. Kimono (denn bevor sich Rose ganz nackig zeigt, muss sie ja erstmal die Spannung aufbauen):

10. „Swim-Dress“: Das letzte Kleid, das Rose auf der Titanic trägt, ist in traumhaften Pastellfarben, die wie ein Regenbogen ineinander verlaufen. Die Szene, in der sie und Jack vor Lovejoy fliehen, wäre nur halb so schön, wenn die tausen Lagen Chiffon nicht so flügelhaft schweben würden:

Zu dem Kleid gehört noch ein blassrosaner, schwarz bestickter Wolmantel:

11. Im Himmel (ich gebe zu, diese Szene verschafft einem ein halbwegs befriedigendes Gefühl am Ende, aber so ein konstruiertes Happy End ist wirklich die Krönung an Kitsch!) sind Jack und Rose wieder vereint. Komisch, dass alle aussehen wie immer, auch Jack in seinen lumpigen Klamotten. Aber Rose steigt in einem traumhaften weißen Kleid die Treppen empor. Vom Schnitt ist es ähnlich wie das Kleid in der Szene, als sie sich an der Uhr treffen und Jack beim Dinner in der 1. Klasse eingeladen ist. Nur dass die durchgehend weiße Farbe hier an ein Hochzeitskleid erinnern:

Nochmal ein Beispiel für ein Korsett, für das Rose auf Hilfe angewiesen ist. Ein schmerzlicher Akt, in dem sie von den Bänden gefesselt wird. Schade aber, dass man die witzigen langen Unterhosen nicht sieht, die sind mein Lieblingsteil eines jeden Outfits von damals:

Rose vor dem Zubettgehen:

Die Schmetterlingspange aus Tiffany-Glas:

Alle Sketches sind zur 3D-Neuveröffentichung von TITANIC veröffentlicht worden. Ihr könnt alle anderen Sketches auf unserer Facebook-Seite sehen. Es gibt übrigens noch ein kleines Making Of zu den Kostümen. Falls Ihr also noch mehr wollt, hier gibt es den 1. Teil und den 2. Teil. Die meisten Bilder hier sind von meinen Screenshots, alle anderen Bilder und ein paar Hintergrundinformationen habe ich aus The Customer’s Guide.

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