VIVRE SA VIE [1962]

Wie ein motivierender Appell, das Leben zu leben, scheint VIVRE SA VIE nicht gerade. Die Protagonistin Nana, die – vergeblich – auf ein Schauspielengagement hofft, hält sich mit Gelegenheitsjobs und Einladungen einiger Männerbekanntschaften über Wasser. Schließlich obdachlos sieht sie ihre letzte Möglichkeit, an Geld zu kommen, auf der Straße und geht anschaffen. Zuerst noch etwas zögerlich und unsicher, später aber mit den Anweisungen ihres Zuhälters zunehmend professioneller. Auch von ihrer melancholischen Grundstimmung scheint Nana sich zum Ende hin zu entfernen, verliebt sich sogar, tanzt und lacht, bis sie in die krummen Geldgeschäfte ihres Zuhälters verwickelt und Opfer dessen wird.

Für 1962 ein ziemlich direkter Film, wenn es darum geht, den Alltag einer Prostituierten zu zeigen. Der dokumentarischer Schwarzweiß-Stil wirkte da vielleicht ja noch etwas beruhigend und seriös. Ebenso wie die poetische Begleitung im Film: Zitate von Montaigne, Baudelaire oder Edgar Allan Poe, ein philosophischer Dialog zwischen Nana und Brice Parain oder die sich immer wiederholende, etwas melodramatische Melodie, die neben zwei Liedern aus der Jukebox den einzigen Soundtrack bildet.

Und tatsächlich scheint VIVRE SA VIE auch der stummste Godard-Film zu sein. Ganz wie im gezeigten Stummfilm JEANNE D’ARC [1928], den Nana im Kino guckt, werden auch hier die Darsteller manchmal stumm. Ihre Stimmen werden ausgeblendet, während sich ihre Lippen noch bewegen oder ihr Text statt auditiv visuell in Tafeln eingeblendet. Texttafeln bilden hier auch die Einleitung zu den zwölf Kapiteln oder zwölf Szenen des Films:

-1- A bistro – Nana wants to leave Paul – Pinball

-2- The record shop – 2000 francs – Nana lives her life

-3- The concierge – The passion of Joan of Arc – a journalist

-4- The police – Nana is questioned

-5- The outer boulevards – the first man – the hotel room

-6- Yvette – a café in the suburbs – Raoul – machine gun fire

-7- The letter – Raoul again – the Champs Élysées

-8- Afternoons – money – wash-basins – pleasure – hotels

-9- A young man – Nana wonders if she’s happy

-10- The sidewalk – a man – there’s no gaiety in happiness

-11- Place de Chatelet – the stranger – Nana the unwitting philosopher

-12- The young man again – the oval portrait – Raoul sells Nana

Und nicht zuletzt die vielen Großaufnahmen von Anna Karinas wunderschönem Gesicht. Wie sie weint, wie sie flirtet, wie sie sich fürchtet, wie sie nachdenkt, wie sie unbeschwert lacht, … So so, dann dürfte Nana nach der Aussage ihres Zuhälters („For me, there are three types of girls: those with one expression, those with two, and those with three.“) eine Frau mit (mindestens) drei Ausdrücken sein.

In vielen Quellen heißt es übrigens, dass der kurze Bob, den Anna Karina im Film trägt eine Anspielung auf Louise Brooks in ihrer Rolle in DIE BÜCHSE DER PANDORA [auch von 1928!] ist, in der sie aufgrund ihrer Drogensucht ebenfalls in die Prostitution abrutscht und eben diesen Haarschnitt populär gemacht hat.

Anna Karina mit Jean Luc Godard.

Die Filmpremiere von JULES ET JIM von Godards Kollegen François Truffaut fand im gleichen Jahr statt wie VIVRE SA VIE und es wäre nicht die Nouvelle Vague, wenn sich die Freunde nicht gegenseitig ein bisschen anpreisen würden.

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