UNE FEMME EST UNE FEMME [1962]

Kein Wunder, dass sich Nouvelle Vague Filme so großer Popularität erfreuen, wenn sie einfach so unglaublich entzückend, ästhetisch umwerfend und emotional so aufwühlend sind!

Warum Jean-Luc Godard und Anna Karina als meine Lieblings-Leinwandkonstellation dieses Genres seine Qualitäten am besten wiedergeben kann, liegt vor allem an Karinas Wandelbarkeit. Innerhalb weniger Jahre sind viele Filme vom Regisseur und seiner (ich nenne sie mal) Muse entstanden und auch wenn ihre Rollen darin viele Gemeinsamkeiten aufweisen, überrascht sie gerade optisch mit Vielseitigkeit. Ich liebe es einfach zuzuschauen, wie ihre Mimik sekundenschnell von einem unbeschwerten Lachen zu einem melancholischen In-die-Luft-starren übergeht, ganz so, wie die Handlung vieler Godard-Filme, die sich nicht zwischen Komödie und Tragödie entscheiden können. Starten wir nun also unsere Godard-Karina-Reihe!

UNE FEMME EST UNE FEMME, eine Frau ist eine Frau. Aber WAS ist eine Frau? Für Godard offensichtlich jemand, die die klischeehaften Gegensätze treue Hausfrau und erotischer Vamp in sich vereint. So wünscht sich Angela (Anna Karina) tagsüber nichts sehnlicher, als ein Kind von ihrem Gatten, während sie sich nachts in einem Tanzlokal auszieht und somit ihr Geld verdient. Klingt erstmal ziemlich abgedroschen. Und bevor man nun den guten Jean-Luc als sexistisches Arschloch abstempelt, sollte man sich den Film ansehen und entdecken, dass er mit dem Bedienen dieser Klischees genau das Gegenteil darstellen will.

Angela und die beiden Nebenrollen von Brialy und Belmondo sind zuallererst kleine Kinder in Erwachsenenkörpern, die miteinander spielen, beleidigt spielen, sich necken und lieben. Zwar arbeitet sie nachts in dem schlüpfrigen Tanzschuppen, dieser ist aber so gähnend leer und skurril, Angelas Kostüm so zuckersüß und ihr Tanz und Gesang so lieblich, dass jede verruchte, erotische Vorstellung verschwindet und man sich am liebsten auch in den Laden wünscht, um Karina zuschauen zu dürfen. (Hier noch ein paar weitere Screenshots der Szene!)
Und was ihre Rolle am Tag angeht, so scheint sie auch da nicht reinzupassen: Sie übt einen Beruf aus, ist sturköpfig, untreu… Sie wünscht sich so sehr ein Baby, doch dieser Wunsch gleicht hier eher dem eines kleinen Mädchens, dass eine Puppe zum Spielen haben will. Außer der Tatsache, dass sie eine Augenweide ist, widerspricht Angela allen sozialen Vorsätzen gegenüber der Frau in den 1960er-Jahren und stellt am Ende des Films doch fest, dass sie trotz allem eine Frau ist. Und dieses Gelöstsein von Konventionen wird augenzwinkernd beschrieben.

Ach, aber man sollte gar nicht so viel in den Film hineininterpretieren. Er ist so schön und macht einfach so viel Spaß! Filmtext lobt zum Beispiel treffend die „photographisch ausgefeilte und inhaltlich aufgeladene Bildästhetik. Etwa der gekonnte Einsatz der Farben Rot und Blau zur Verfremdung und Ironisierung emotionaler Zustände – wie auch später in „Le Mepris“ zu bestaunen – und die charmant-witzige und manierierte Inszenierung der Darsteller.
Aber warum der Film nun eigentlich so gut ist? Kleinblutrot zählt auf:

1. Wegen Anna Karina.

2. Weil Godard die Regeln und Konventionen der geliebten Hollywood-Musicals durch den Schredder gedreht hat – zum Beispiel, indem er zwischendurch immer wieder die Musik einfach abdreht –, dennoch ständig auf sie anspielt und gleich mit dem nächsten Schnitt unverrichteter Dinge weiterzieht.


3. Weil es hier noch richtig Spaß macht, einen Godard-Film zu gucken und man ihn auch problemlos Leuten vorführen kann, die sonst schnell „Hilfe, Filmkunst!“ schreien und fortrennen.



4. Weil – bei aller gewollten Künstlichkeit – die Geschichte des Paares doch berührt.



5. Wegen der Jukebox-Szene, die, je nach Lesart, inmitten einer turbulenten Liebesbeziehung fast einer Beleidigung des Regisseurs für die Karina – seinen Star und seine spätere Ehefrau – gleichkommt. Sie sitzt mit Belmondo in einem Café, er wirft auf ihren Wunsch eine Münze in die Jukebox und spielt Charles Aznavour: Tu t’laisses aller (davon gab es auch eine deutsche Version unter dem Titel „Du lässt Dich gehen“). Darin beschimpft Aznavour seine Frau als biestig, dick, unattraktiv, desinteressiert und langweilig. Godard lässt das ganze Lied ausspielen (drei Minuten und vierzig Sekunden) und schneidet dazu immer wieder auf Karina, die ein Foto ansieht, auf dem ihr Mann mit einer anderen Frau zu sehen ist. Selten war eine Musikuntermalung ein so direkter Ausdruck des Seelenlebens. (Das Lied selbst ist übrigens auch toll.)




6. Die Szene, in der Anna Karina und Jean-Claude Brialy wegen eines Streits nicht mehr miteinander reden und sich mithilfe von Buchtiteln aus dem Regal Beleidigungen an den Kopf werfen.







7. Weil es ein absurdes Striptease-Lokal wie das, in dem Angela arbeitet, leider nicht mehr gibt: Eine knappe Handvoll gelangweilter Männer in einer länglichen Halle an Tischen mit karierten Decken, und dazwischen laufen die Mädchen auf und ab und singen ein Lied, während sie sich ausziehen. Und Angela nimmt diesen Job so ernst wie eine Künstlerin ihre Werke.


8. Überhaupt diese Dekonstruktion des Striptease!

9. Die Art, wie Brialy auf dem Weg zum Bücherregal die Stehlampe schultert (und wie er im Wohnzimmer Fahrrad fährt).

10. Wegen des Wortspiels am Schluss, das in der deutschen Synchronisation verloren geht: „Angela, tu es infâme!“ – „Non, je ne suis pas infâme, je suis une femme!“ („Angela, du bist infam!“ – „Nein, ich bin eine Frau!“)



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