ULTIMO TANGO A PARIGI [1972]

Ich würde nur zu gerne genauer auf Bertoluccis DER LETZTE TANGO IN PARIS eingehen, aber bis ich die Zeit dazu finden würde, würden hier noch weitere zwei Wochen vergehen. So muss ich mich leider fast ausschließlich auf Standbilder beschränken und kann nur auf folgende zwei Zitate hinweisen.
Die, die den Film nämlich nicht kennen, werden aller Voraussicht nach erstmal bei Wikipedia schauen, worum es überhaupt geht. Tut das nicht. Guckt Ihn Euch direkt an und genießt Bertoluccis Bilderpoesie und die teils verstörende Handlung. Aber ein Wiki-Satz gehört hier einfach rein, weil er so herrlich schön nach einem Erotik-Groschenroman klingt (ich muss immernoch lachen): „Beim Besichtigen einer Wohnung kommt es zwischen ihnen [Paul und Jeanne], ohne dass sie einander ihre Namen nennen oder sich sonstwie bekannt machen, abrupt zu einem heftigen Geschlechtsakt. Beide verlassen wortlos die Wohnung.“
Dann habe ich eine Vorschau auf eine Hausarbeit zum Film von Timo Gramer entdeckt – ‚Der letzte Tango in Paris‘ – Ein intimes Interview zu dritt?“ (2004), in der er rezeptionsästhetisch einleitet: „Als ‚Der letzte Tango in Paris‘ 1972/1973 in die Kinos kam, war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit riesengroß. So unterschiedlich die Meinungen über den ‚Tango‘ damals auch waren. Eines hatten alle Cineasten, die den Film gesehen hatten, gemein: ‚Der letzte Tango‘ hatte sie alle in irgendeiner Art und Weise bewegt. Sprachen die einen von einem ’skandalösen Schmuddelporno‘, sahen andere im letzten Tango ‚ein Werk von Befreiung und sexueller Revolution‘. Bis heute zieht das Erotik-Drama einen großen Teil seiner Anziehungskraft und (auch) seines Charmes aus der Ambivalenz von Abstoßung und Bewunderung. ‚Der letzte Tango in Paris‘ gilt als vielschichtiges Meisterwerk und wird vor allem wegen seiner freizügigen und drastischen Sexszenen heftig diskutiert.“

Seinen Film legte Bertolucci ganz offensichtlich an den Werken Francis Bacons an, von denen er zwei auch im Vorspann verwendet. Deformierung und Schmerz als Ausdruck der natürlichen Gewalt oder Gewalt der Natur. Es könnte nicht genialer dargestellt werden als im Gesicht von Marlon Brando, der den verzweifelten und in der midlife-crisis steckenden Paul spielt.
Man, allein in der Bildsprache könnte man hier tagelang versinken! Das ganze Szenenbild, die bewusst gewählten Parallelen zur Kunst!…


Aber konzentrieren wir uns heute erstmal auf die Kostüme, denn auch die prägen ganz entscheidend die Optik des Filmes mit. Gitt Magrini, der später auch die Kostüme für LA GRANDE BOUFFE [DAS GROßE FRESSEN] entwarf, stellte hier mit Paul und Jeanne zwei bekannte Stereotypen dar: der Intellektuelle und das bourgeoise Hippiemädchen.

Paul Garderobe finde ich besonders elegant: der lange camelfarbene Mantel, die Rollkragenpullover. Er pflegt optisch seinen intellektuellen Stand (ich frage mich grade, ob überhaupt im Film erwähnt wird, was er beruflich macht?), wobei er in den intimen Situationen mit Jeanne seine primitivste Seite zum Vorschein bringt, die man ihm eben so nicht ansehen würde. Passend zu seiner verzweifelten Situation, sind Pauls Haare wirr und unfrisiert. Was schert ihn schon sein Kopfhaar, wo seine Frau sich doch gerade das Leben genommen hat?


Die zuckersüße Jeanne, gespielt von Muttis Jugendheldin Maria Schneider, gibt sich französisch schick. Sie ist jung, naiv und weiß noch nicht, wo sie steht und wo sie hin will, was sie aber nicht davor zurückschrecken lässt, etwas Arroganz an den Tag zu legen. Zumindest auf den ersten Blick. Ihr Geist ist noch sehr kindlich, in vielen Szenen sehen wir sie spielen. Geschieht etwas nicht nach ihrem Willen, wird sie beleidigt. Diesen Teil ihrer Persönlichkeit und auch den „freien Zeitgeist“ legt sie in ihrer Kleidung dar. Zum einen die hippiehaften Elemente wie Afghanenmantel, Schlaghosen, Strick und der Verzicht auf einen BH, lol, zum anderen die knappen Schnitte (siehe Minikleid), der Oben-ohne-Auftritt oder die maskulinen Elemente, die in diesem Kontext äußerst erotisch wirken. Und das beste überhaupt natürlich: ihr Wildwuchs! Nicht nur ihre Lockenpracht auf dem Kopf, sondern auch die weiter unten, die im Gegensatz zu ihrer Kindlichkeit stehen.

Merkt Euch den Schnitt dieses Kleides, ähnliche trug Uschi Obermaier gern, die optisch Maria Schneider etwas ähnelt und zu der ich in naher Zukunft noch kommen werde.


Nach dem bei Wikipedia beschriebenen Geschlecktsakt. Eine Herausforderung auch für den Kostümbildner hier die Strumpfhose korrekt und an den richtigen Stellen zu zerreißen oder zerreißen zu lassen. Ich weiß ja nicht, wie das da beim Dreh ablief.;)






Dat kennen wir ja!


Übrigens ganz komisch für den Zuschauer, Jeanne nach dem ersten, wirklich überchicen Outfit in dieser gemütlichen Alltagskluft zu sehen. Ich würde vermuten, dass ersteres die Dekadenz betonen sollte, vor allem die der Situation selbst, nicht nur der Gesellschaft. Und hier kehrt sie aus dieser sonderbaren Situation wieder zurück in ihr Leben.




Bei Paul strotzt sie wieder vor Sex Appeal.


Und hier ein kurzer Sprung zur Geschlechterdarstellung in Gebrauchsgegenständen, was mich bei Filmen, gerade in „Dress-up scenes“ besonders interessiert. Da hätten wir also einmal Jeannes Make-Up-Utensilien und Cremes…

…und Paul natürlich mit dem Notwendigsten: Rasierzeug. Anscheinend versucht er das Animalische in sich doch noch irgendwie zu zähmen. Nä? Nä?



Gott, was für ’ne Pose! Ich liebe sie!



Die Farbe Rot, Ihr wisst ja, Leidenschaft und so. Sehr „leidenschaftlich“ auch die nächstfolgenden Minuten im Film, haha…





Jeanne in der Uniform ihres Vaters.

Guckt Euch mal die Jeans an! So eine hab ich mir mal vor 7 Jahren oder so gekauft, mit diesem widerlichen Strich zwischen den Pobacken!


Es wird zwischendurch sogar leicht romantisch, als Jeanne in diesem Kostüm in der Wohnung auftaucht und die beiden Hochzeitsnacht spielen.





Oooouh und beim großen Finale stehen sich Jeanne und Paul ebenbürtig gegenüber! Trotz ihrer kindlichen Art, gewinnt sie am Ende an Überlegtheit und wirkt nicht länger nur als Spielzeug Pauls. Beide in Hosen, Hemd und Sakko und beide mit wild-wucherndem Haar.


Wie selbstbewusst sie hier sitzt! Sie wirkt hier schon ganz anders als in den vorherigen Posen, in denen sie neben Paul so eingeschüchtert auftritt.



Der letzte Tango.

Fine.
Welch wunderschönes Gesicht!
P.S.: Ich verweise auf Vanessas Appell an Röhrenträgerinnen! Die Kostüme des Films sind nicht nur bezüglich des Inhalts toll umgesetzt, sondern sind eine wunderbare Stilvorlage, gerade für den Herbst!

Ein Kommentar

  1. Pingback: AUTUMN MOVIE TIME | VANILLA SKY [2001] « proletkult

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