ORFEU NEGRO [1959]

Monteverdi, Calderón, Offenbach, Goethe und Rilke befassten sich schon mit dem Mythos vom Sänger Orpheus und seiner Braut Eurydike – der französische Regisseur Marcel Camus brachte 1959 den antiken Stoff in die Gegenwart nach Brasilien. In seiner umfassenden Filmanalyse merkt Wolfgang Melchior an: „Camus transponiert in ORFEO NEGRO den antiken Mythos von Orpheus und Eurydike gleich dreifach: einmal geographisch von Griechenland nach Rio de Janeiro, dann sozial von den Königshäusern Thrakiens in die Favelas Rios, und schließlich dramaturgisch aus der Langweile der griechischen Halbgötterwelt in den wilden Carneval von Rio.“ Die Vorlage zum Film bietete vor allem das Theaterstück ORFEU DO CARNEVAL von Vinicíus de Moraes.

Camus‘ wohl größtes Werk beeindruckt vor allem mit seiner Dynamik, die durch freie Landschaftsaufnahmen, farbenfrohe Kulissen und rhythmischer Bossa-Nova-Musik (Komponist Antônio Carlos Jobim ist vor allem durch sein populäres Stück THE GIRL FROM IPANEMA bekannt geworden) entsteht. Aber vor allem die Kostüme stechen bei dieser Neuinterpretation raus und werden intelligent umgesetzt, auch wenn ich leider nicht rausfinden konnte, wer dafür verantwortlich war.
Die Schauspieler zumindest waren weitgehend unerfahren, wenn auch teilweise durch andere Wege bekannt. So war Marpessa Dawn, die im Film Eurydice verkörpert, eine US-amerikanische Tänzerin und Breno Mello, in der Rolle des Orfeu ein beliebter brasilianischer Fußballspieler (passt ja gerade ganz gut) mit traumhaften Schenkeln (haha).
Weil die Bilder im Film so wunderschön sind, wollte ich sie nicht verunstalten und ausschneiden, daher kriegt Ihr jetzt einfach alle Bilder. Und optimale Standbilder zu erhalten war wirklich schwer, weil die Darsteller immer und überall tanzen! Und hier die Kostüme, wo Schwarz auf Weiß trifft, Gold auf Regenbögen, Satin auf Spitze, Leinen auf Leder und Pink auf Grün – traumhaft.

ORFEU

Die meiste Zeit trägt der Straßenbahnfahrer Orfeu seine Uniform, die er aber mit der Zeit lässig aufknöpft.

EURYDICE



Wie stellt man ein unschuldiges Mädchen am besten dar? Richtig, im weißen Kleid. Mit der Strohtasche und den Zöpfen hat das Ganze noch einen bäuerlichen Touch.

SERAFINA

Serafinea, Eurydices Cousine, ist das Mädchen im geblümten, beigen Kleid. Aber die Frau in Flieder fand ich auch nicht übel, daher diese Bildwahl.


Wunderbare Farbkombination.

MIRA

Ooh, Mira – Orfeus Frau – ist wahrlich ein Genuss fürs Auge! Doch so schön sie auch ist, treibt sie den armen Orfeu mit ihrer Eitelkeit und Eifersucht in den Wahnsinn, ja sogar in den Tod.



Das Kleid ist wirklich ein Traum. Und hier ihre dazugehörige Nagellackfarbe. Einfach um nochmal die Farbenfrohheit zu verdeutlichen.


Mira beim Tanzen. Es ist immernoch der selbe Tag wie zu Filmbeginn und alle tragen noch die selben Kostüme, aber die eitle Mira scheint sich umgezogen zu haben.

Miras Karneval-Kostüm.

Karnevalskostüme und Nebendarsteller

Hier bitte ein Augenmerk auf den Typen in der weißen Hose, Danke!





Die Kostüme sind wirklich spektakulär. Es fließen die verschiedensten Elemente mit ein: Harlekins, Zirkus, Folklore, Märchen, die Antike oder das 18.Jahrhundert.

DAS GOLDENE KLEID

Für dieses Kostüm hat Serafina eigentlich ihr letztes Geld ausgegeben. Doch um die Liebenden Orfeu und Eurydice zu unterstützen…

…leiht sie es zum Karneval ihrer Cousine aus, damit diese unbemerkt bei Orfeu sein kann. Zum Kleid unten noch eine kleine Notiz.*


ARISTAIOS, DER TOD



„Spiderman mit Totenmaske“

UNTERWELT – MACUMBA SEKTE

„Zunächst fällt einmal auf, dass im Film die Unterwelt auf vier Orte mit vier verschiedenen modernen Lebenswelten aufgeteilt [ist]. Es sind die Stationen und Orte, an denen Orfeu Eurydike sucht: im Krankenhaus, in der Vermisstenstelle, [im] Haus der Macumba-Sekte und zu guter letzt im Leichenschauhaus.“ – Wolfgang Melchior


*Orfeu und Eurydice tragen beide Gold und ihr Kleid mit dem Gewand erinnert ebenso wie sein Kostüm an die griechische Mode der Antike – nur eben etwas überspitzt. Das Gold könnte für den Hochmut der Liebenden stehen, der die Götter entzürnt (Quatsch). Oder aber auch als Konservierung, als Übermalung, wie bei einer Statue, die hier eben Orpheus und Eurydike darstellt.

Babilonia – oder locus amoenus im antiken Mythos.


Wie poetisch!

Doch das war nicht das Ende. Denn schließlich wiederholt sich die Geschichte immer wieder und das Schicksal von Orpheus wird vom nächsten Sänger wieder übernommen. Vielleicht auch eine Erklärung dafür, wie der antike Mythos Griechenlands bis nach Brasilien unserer Zeit wandern konnte:



Sonnenanbetung

Neben der Schönheit und Magie des Films gibt es aber natürlich auch eine Schattenseite. Im Film erahnt man es kaum und Camus scheint es völlig ausgeschlossen haben zu wollen. So bemerkt Wolfgang Melchior – und ich muss wieder zitieren: „Orfeu Negro schafft es auf nahezu traumwandlerische und frappierende Art und Weise, sämtliche sozialen Aspekte zu umschiffen und auszublenden. Unmöglich anzunehmen, Camus sei die unglaubliche Armut der Favelas, in die mittenhineinmarschiert ist, nicht aufgefallen. Aber für den 59er Touristen Camus waren dies Orte der Idylle und Beschaulichkeit wie noch für viele Italien-Touristen der Mezzogiorno in den 70ern. Der Franzose erlebte diese fremde Welt als irgendwie schick und verließ sich bei der Verfilmung dabei ganz auf den mythologischen Stoff.“

Schade, dass ich keine Bilder vom Karneval in Rio aus der Zeit des Films finden konnte. Ich weiß also nicht, ob der Film diesbezüglich realitätsnah oder -fern war, aber heute sähe die Darstellung des Karnevals wohl etwas anders aus. Denn der berühmte Karneval in Rio glänzt heute zwar immernoch mit opulenten Kostümen, diese beinhalten jedoch eetwas weniger Stoff, als die Beispiele im Film.

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